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Julieta Rojo: „Ich bin Mexikanerin mit kölscher Seele“

Name: Prof. Dr. Julieta Rojo Medina
Lebt in: Mexiko-Stadt, Mexiko
Herkunftsland: Mexiko
Deutschlandaufenthalt: seit 1976 immer wieder
Bildungs- und Forschungseinrichtung: Universitätsklinik Köln
Beruf: Universitätsprofessorin und Direktorin des nationalen Bluttransfusionszentrum in Mexiko-Stadt

Die Aufgabe wäre vermutlich auch für einen deutschen Jungmediziner hart gewesen. Julieta Rojo Medina, damals Mitte 20, mexikanische Medizinstudentin im Austauschjahr an der Universitätsklinik Köln, wurde zur Patientenanamnese eingeteilt. Das Problem: Fast alle Patienten sprachen „Kölsch“, breitesten Dialekt. „Ich lächelte, bat die Leute, langsam zu sprechen und schrieb alles phonetisch nieder“, erzählt Rojo mit einem Schmunzeln. Anschließend traf sie sich mit einem Kölner Bekannten, der ihr das Ganze auf Hochdeutsch übersetzte. Aus dem Kontakt entstand eine Freundschaft, die bis heute hält.

Geht offen in die Welt

Ihren Studierenden und angehenden DAAD-Stipendiaten, denen sie heute als Mitglied der Vorauswahlkommission begegnet, gibt sie die gelernte Lektion gern mit auf den Weg: „Trauert nicht den Dingen nach, die ihr zurücklasst. Kritisiert nicht vorschnell. Geht offen in die Welt, spitzt die Ohren und Augen und lernt so viel wie möglich.“ Dass mexikanische Studierende sich heute sehr für Deutschland interessieren, freut sie: „Deutschland vergibt – etwa im Gegensatz zu den USA – viele Stipendien, und dass man nun auch auf Englisch studieren kann, ermutigt viele Mexikaner.“

Köln war der erste Ort, an dem Rojo aus dem Zug stieg, als sie 1976 zum ersten Mal nach Deutschland kam. Vor ihr tat sich der Dom auf – ein imposanter Anblick, der einen tiefen Eindruck hinterließ. Viele Male ist sie seither nach Köln zurückgekehrt, als Studentin, als Doktorandin, dann für zwei Sabbatjahre und für diverse Forschungsprojekte. Hier ging ihr Sohn Rodrigo in den Kindergarten, später in die Schule. „Ich bin Mexikanerin mit kölscher Seele“, scherzt Rojo.

Vita: Deutschland-Alumna Julieta Rojo aus Mexiko

Prof. Dr. Julieta Rojo Medina wurde in Mexiko-Stadt geboren. Nach dem Besuch einer deutschen Schule begann sie ihr Medizinstudium an der Nationalen Autonomen Universität (UNAM). 1977 kam Rojo mit einem Stipendium an die Universität Köln. Zahlreiche weitere Studien- und Lehraufenthalte mit Unterstützung des DAAD folgten. Seit 2008 leitet Rojo das Nationale Bluttransfusionszentrum in Mexiko-Stadt. Sie ist außerdem Universitätsprofessorin und arbeitet in Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Hämatologie und der Stammzellenforschung eng mit deutschen Hochschulen und Institutionen zusammen.

Sie erzählt gerne, detailreich und in perfektem Deutsch von ihren Erfahrungen. Wie sehr sie die deutsche Mentalität beeindruckt hat, kann man heute am Nationalen Bluttransfusionszentrum im Norden von Mexiko-Stadt beobachten, dessen Direktorin sie seit acht Jahren ist: In den weiß gekachelten Laboren herrscht penible Ordnung und Sauberkeit, überall erinnern Warnschilder, Handschuhe zu benutzen und Kühlketten nicht zu unterbrechen. Nur die Feuchtigkeit macht Rojo zu schaffen, die sich hartnäckig im Putz des alten und eigentlich viel zu großen ehemaligen Hospitals festfrisst. Wo sie hinkommt, begrüßen die Mitarbeiter sie freundlich. Die energische 65-Jährige kennt jeden beim Namen und weiß nicht nur, womit er sich beschäftigt, sondern auch, wie es um die Familie steht. Das ist ihre joviale, mexikanische Seite. Dass Deutschland eine so große Rolle in ihrem Leben spielt, ist eigentlich einem Zufall geschuldet.

Ihre Eltern waren Staatsbedienstete in Mexiko-Stadt, Julieta das älteste von zwölf Kindern. Als es darum ging, sie einzuschulen, beantragte ihre Familie ein Stipendium des mexikanischen Bildungsministeriums. Es wurde gewährt. Und die Tochter kam der Einfachheit halber auf die nächstgelegene Privatschule – das Colegio Alemán Alexander von Humboldt. „Das war für mich sehr schwer, denn niemand in der Familie sprach Deutsch“, erinnert sich Rojo, die sich anfangs oft bei der Mutter darüber beklagte. Die Antwort war stets dieselbe: „Du wirst es mir noch einmal danken.“ Sie sollte recht behalten. Das Abitur machte Rojo dann zwar an einer mexikanischen Schule, aber die Liebe zu Deutschland war geweckt. Durch einen außergewöhnlichen Klassenlehrer in der Grundschule. „Peter Knaak hat uns viel erzählt, vom Hunger nach dem Krieg, von der Mauer, aber auch vom Schnee und der Kultur“, erinnert sie sich. „Und wenn wir zu unkonzentriert waren, ließ er uns aufstehen und Walzer tanzen.“

Jeder kann etwas verändern

Auch dass sie sich letztlich für das Fachgebiet Hämatologie entschieden hat, liegt an einem Professor, der ihr später beim Studium an der Nationalen Autonomen Universität (UNAM) seine Begeisterung vermitteln konnte. „Die Zellen sind wie eine Konstellation am Sternenhimmel. Blut ist immer in Bewegung und erzählt dir viel über den Patienten“, sagt Rojo. Der Austausch mit Deutschland war dann ein logischer Schritt: Die Bundesrepublik war in der Medizintechnik führend. Rojo staunte über die modernen Apparate und erreichte sogar, dass deutsche Pharmafirmen ihr ausgemusterte Geräte nach Mexiko schickten. „Ich habe sie persönlich aus dem Zoll geholt“, erzählt sie, was kein leichtes Unterfangen gewesen sein dürfte. „Einmal waren 20 Nadeln zur Knochenmarkentnahme darunter, die ich an den Unikliniken verteilt habe. Das war wie Weihnachten!“ Bis heute hält sie engen wissenschaftlichen Kontakt etwa zur Universität Köln und der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie und hat mit deutschen Kollegen schon viele Austauschprojekte angestoßen. „Ich genieße es, sowohl deutsche als auch mexikanische Studierende zu betreuen und dabei auch immer selbst viel Neues zu lernen.“ 

Alumni-Vereine in Mexiko

Ein gutes Netzwerk ist für das spätere Berufsleben sehr wichtig. Wer eine Zeit lang im Ausland war, hat beste Voraussetzungen, sich so ein Netzwerk aufzubauen. Aber wie können die Kontakte gepflegt und erhalten werden? Alumni-Vereine haben dazu Strategien entwickelt – zum Beispiel in Mexiko. 

Artikel: Netzwerke erfolgreich nutzen

Interview: „Der Verein muss leben“

Derzeit setzt sie ihre Energie ein, um für Blutspenden zu werben. Ein Novum in Mexiko, hier arbeiten die Krankenhäuser bisher mit einer „Erpressertaktik“: Jeder Patient wird aufgefordert, eine gewisse Anzahl Blutspender beizubringen, bevor er operiert wird. „Das ist für die Hospitäler bequem, aber völlig ineffizient“, klagt Rojo. Oft stimmen die Blutgruppen nicht mit der benötigten überein, an privaten Kliniken seien die Analysen auf übertragbare Krankheiten häufig mangelhaft und letztlich werde zu viel Blut unbenutzt entsorgt.

Mit dem Aufbau eines Netzwerks von Bluttransfusionszentren in den Bundesstaaten hat sie die Qualitätsstandards verbessert. Zusammen mit der Deutschen Botschaft organisiert die Medizinerin seit einigen Jahren eine freiwillige Blutspendenkampagne. „Blutsbrüder – Hermanos de Sangre“ heißt sie, inspiriert von Karl Mays Romanhelden Winnetou und Old Shatterhand. „Was uns Mexikanern manchmal fehlt, ist die Überzeugung, dass jeder Einzelne von uns in seinem Umfeld Veränderungen anstoßen kann“, sagt Julieta Rojo. Ende 2015 ist sie mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden: als „vorbildliche Botschafterin für den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Mexiko und Deutschland“.

(c) Sandra Weiss / Societäts-Medien, LETTER, Ausgabe 01/2016

LETTER – Das Magazin für DAAD-Alumni erzählt spannende Geschichten aus Wissenschaft, Kultur, Deutschland und dem DAAD-Alumni-Netzwerk.

Oktober 2017

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