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Round-Up Talk zum Thema Gleichberechtigung

Im Experteninterview berichten fünf Deutschland-Alumni, wo sie besonders viel Ungleichheit und Bedarf für mehr soziale Gerechtigkeit sehen und wie sie sich mit ihren Projekten und Initiativen für mehr Gleichberechtigung und Chancengleichheit einsetzen. Zudem geben sie konkrete Tipps für diejenigen, die sich ebenfalls für mehr Gleichberechtigung einsetzen wollen.


Unsere Experten

Prof. Dr. Mala Pandurang

Mala Pandurang ist Professorin und Direktorin des Dr. B.M.N. College of Home Science im indischen Mumbai. Seit 2019 ist sie Vertrauenswissenschaftlerin der Alexander von Humboldt-Stiftung in Indien. Neben einem Humboldt-Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung erhielt sie eine Fulbright-Gastprofessur an der University of Texas, ein Forschungsstipendium des Charles Wallace India Trust, umfangreiche Forschungsgelder der University Grants Commission (UGC) in Neu-Delhi, ein Inlaks-Stipendium in Sozialwissenschaften der Asiatic Society, eine außerordentliche Professur am Indian Institute of Advanced Studies in Shimla und ein NET/JRF-Stipendium der UGC. Zu ihren Forschungsgebieten gehören postkoloniales Schreiben, Diasporastudien und Gender Studies.

Juan Auz

Juan Auz stammt aus Ecuador und hat sich als Rechtsanwalt auf Umweltrecht und Menschenrechte spezialisiert. Momentan ist er Doktorand an der Hertie School, wo er in Zusammenarbeit mit dem „Centre for Fundamental Rights“ die Rolle des interamerikanischen Menschenrechtssystems im Hinblick auf Probleme des Klimawandels untersucht. Zuvor war er Klimaschutz-Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), außerdem war er jahrelang als politischer und juristischer Berater für indigene Organisationen tätig. Er ist Mitgründer von „Terra Mater“ und war Geschäftsführer der „Fundación Pachamama“, zwei Organisationen, die sich für die Rechte von indigenen Bevölkerungsgruppen im ecuadorianischen Amazonasgebiet und den Schutz der verbliebenen Ökosysteme indigener Territorien engagieren.

Eeva Rantamo

Eeva Rantamo ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet seit vielen Jahren als Dozentin, Projektleiterin und Beraterin für kulturelle Vermittlung, interkulturelle Kompetenz, Einfache Sprache sowie Inklusion und Barrierefreiheit in Kultureinrichtungen, Bildung und Tourismus. Als Gründerin des Büros „Kulturprojekte – Inklusive Kulturarbeit“ in Köln leitet sie internationale und lokale Entwicklungsprojekte zur barrierefreien und gleichberechtigten Kommunikation im Kulturbereich. Finnland bedeutet nicht nur Heimat, sondern vor allem Inspiration für die inklusive Arbeit, regelmäßigen Austausch mit Kolleg*innen aus Kultureinrichtungen und Zusammenarbeit in gemeinsamen Projekten.

Elena Lipilina

Bevor sie Stipendiatin des Bundeskanzler-Stipendiums wurde, war Elena Lipilina Beraterin für IKT und Bildung bei der Weltbank sowie politische Beraterin beim Australian Department of Foreign Affairs and Trade in Moskau. Ihr wichtigstes berufliches Engagement ist jedoch das für „Wamsport“, eine gemeinnützige Organisation, die sie 2014 gegründet hat, um Frauen in Russland und weltweit durch die Weiterentwicklung von Frauen-Amateursport und den Einsatz für Geschlechtergleichstellung im Sport und darüber hinaus zu stärken.

Während ihres Stipendienjahrs in Deutschland arbeitet Elena am Projekt „Women‘s Summer Games“ als Mittel zur Stärkung und Integration von Frauen durch Sport. Zugleich wirkt sie bei der Organisation der EuroGames 2020 in Düsseldorf mit.
 
Elena hat 2012 ihren Masterabschluss in internationalen Beziehungen an der Syracuse University erworben, wo sie Fulbright-Stipendiatin war, außerdem hat sie 2009 einen dem Master entsprechenden Abschluss in Sprach- und Übersetzungswissenschaften an der Baltischen Föderalen Immanuel-Kant-Universität erworben. Daneben hat sie Sozial- und Politikwissenschaften an Universitäten in Finnland, Schweden und Deutschland studiert.

Marco Tulio Pereira Silva

Marco Tulio Pereira Silva stammt aus Brasilien und ist Stipendiat des Bundeskanzler-Stipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung. Er entwickelt ein Projekt zur Inklusion von Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt, forscht nach motivierenden Beispielen und befasst sich damit, wie Deutschland Inklusion als öffentliche Politik handhabt.

Marco hat Journalismus und Multimedia an der Centro Universitário Una in Belo Horizonte studiert, außerdem hat er einen Abschluss in Betriebswirtschaft von der Fundação Getúlio Vargas in São Paulo. Von 2008 bis 2012 war er für die Agência Amplo Brasil als Werbefachkraft tätig, von 2012 bis 2018 war er Projektkoordinator bei der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer (AHK São Paulo). Bis Juli 2019 war er Koordinator für institutionelle Beziehungen bei der NGO „Comunitas“.


Fünf Experten, fünf Fragen: Frage 1

Was verstehen Sie unter "Chancengleichheit" und "Gleichberechtigung"?

Mala Pandurang:

Ich lehre seit 26 Jahren an einer Hochschule für grundständige Studiengänge in Mumbai, an der ausschließlich Frauen studieren. Derzeit sind es rund 1.000 Studentinnen verschiedener sozialer Schichten und Religionen. Mittlerweile bin ich Direktorin der Institution und meine Perspektive ist die einer Pädagogin, deshalb würde ich die Reihenfolge gerne umkehren und „Chancengleichheit“ vorziehen, denn sie ist es, die Studierenden unabhängig von Geschlecht, Gesellschaftsklasse, Kaste oder Religion die Instrumente zur Durchsetzung von Gleichberechtigung liefert. Wenn wir erst einmal angemessene Bildungseinrichtungen für soziale und vertikale Mobilität bereitstellen können, können Studierende auf den Weg zu gleichberechtigtem Ressourcenzugang gebracht werden, was ihnen wiederum erlaubt, ihr Potenzial zu entfalten und ihre Träume zu verwirklichen. Sie werden gleiche Ausgangsvoraussetzungen für soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung vorfinden, was neben dem Recht auf Bildung auch das Recht auf freies Denken und freie Meinungsäußerung, Arbeit, gleiche Entlohnung, Geschlechtergleichstellung und vor allem das Grundrecht auf Existenz beinhalten sollte.

Juan Auz:

Gleichberechtigung bedeutet, dass jedes Individuum und jede Institution unabhängig von Ethnie, Gender, Staatsangehörigkeit, Geschlecht und sonstigen Merkmalen einer Person ihre Rechte respektieren und schützen sollte. Wenn ich „Rechte“ sage, gehe ich von einem Mindeststandard aus, der dem Inhalt internationaler Menschenrechtsabkommen entspricht. Das ist natürlich eng verknüpft mit dem Konzept der Chancengleichheit, die für mich der Schlüssel ist, um den Gleichberechtigungsgrundsatz zu erfüllen. Wenn öffentliche oder private Institutionen das Maximum tun können, um gleiche Bedingungen für alle zu schaffen, wird keine strukturelle Ungleichheit irgendjemanden davon abhalten, seine Träume zu verwirklichen. Ein gutes Beispiel wäre etwa eine Richtlinie zur Subventionierung von Bildung für Menschen aus Entwicklungsländern, die sich in einem Industrieland niederlassen wollen. Deshalb sind beide Konzepte verwoben und bedingen einander.

Eeva Rantamo:

Gleichberechtigung fordert gemeinsame, gleiche Möglichkeiten als Recht für alle. Chancengleichheit kann es nur geben, wenn auch die Voraussetzungen gleich sind. Meine Arbeit für inklusive Kultur baut auf der prinzipiellen Gleichheit und individuellen Verschiedenheit aller Menschen auf. Beide sind sowohl der Grund als auch das Ziel meiner Arbeit. Solange Ungleichheit herrscht, gibt es keine Freiheit für alle, sondern nur Privilegien für einzelne. Kultur gibt es nur gemeinsam. Sie kann nur existieren, wenn sie von allen geteilt wird. Dazu müssen die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden. Diese Aufgabe ist beständig, vielfältig und gestaltet sich jeden Tag neu. Zu Chancengleichheit und Gleichberechtigung gehört auch, Notwendigkeiten gemeinsam anzuerkennen und Fakten oder wissenschaftliche Ergebnisse nicht zu leugnen.

Elena Lipilina:

Für mich bedeuten Gleichberechtigung und Chancengleichheit, dass eine Person ihr Potenzial unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung oder anderen Faktoren und allein abhängig von ihrer Leistung verwirklichen kann. Der Begriff „Gleichberechtigung“ ist jedoch komplex. In vielerlei Hinsicht wird Gleichberechtigung als Gleichsetzung im weitesten Sinne gesehen, bei der Frauen oft nicht als verschiedene Persönlichkeiten anerkannt werden, deren spezifische Bedürfnisse durch Diskriminierungserfahrung, Kultur, weibliche Sozialisierung und die eigene Anatomie geprägt sind. Meiner Ansicht nach können Gleichberechtigung und Chancengleichheit nur erreicht werden, wenn wir begreifen, dass im Fall von Frauenrechten „gleich“ nicht unbedingt „dasselbe“ bedeutet. Die Geschlechterkluft kann nicht geschlossen werden, indem Frauen einfach dasselbe „Paket“ erhalten, ohne dass anerkannt wird, wie unterschiedlich jeweils ihre Wege und Ausgangspunkte zu dieser Gleichberechtigung sind.

Marco Tulio Pereira Silva:

Zunächst einmal möchte ich mich auf „Inklusion“ beziehen. Meiner Ansicht nach ist es enorm wichtig, dass wir verstehen, was eine „inklusive Gesellschaft“ wirklich bedeutet. Das bringt mich zum nächsten Begriff, „Diversität“. Wir sehen bei Menschen alle Arten von Diversität: Geschlecht, Ethnie, sexuelle Orientierung, religiöse Ansichten, Alter, Behinderungen, sprachliche Unterschiede, sozioökonomischer Status und kultureller Hintergrund. Das gehört zum Leben. Deshalb ist eine inklusive Gesellschaft eine Koexistenz dieser Vielfalt, bei der jedes Individuum die Möglichkeit und das Recht auf Teilhabe hat, unabhängig von seinen Besonderheiten.

In diesem Kontext bedeutet „Gleichberechtigung“ eine harmonische und simple Koexistenz von Menschen aller Art, die sich respektieren, tolerieren und unterstützen, und das in einer Gesellschaft, in der alle gleich behandelt werden. „Chancengleichheit“ hingegen ist die Anerkennung dessen, dass jedem Individuum die vollständige gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht werden sollte, ohne dass es wegen Unterschieden zu Vorurteilen kommt.

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Was bedeutet für Sie Chancengleichheit? Engagieren Sie sich für mehr soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung? Wenn ja, wie und warum? Erzählen Sie uns und anderen Leser in einen Kommentar davon.

April 2020

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