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Corona in Bulgarien: „Die Disziplin der Bevölkerung hat mich überrascht“

Assoc. Prof. Maria Endreva arbeitet an der Universität Sofia, Bulgarien, als Dozentin für deutschsprachige Literatur und Kulturgeschichte.

Frau Endreva, wie hat die Corona-Pandemie Ihren Arbeitsalltag verändert?

Ich bin an der Universität Sofia als Dozentin für deutschsprachige Literatur und Kulturgeschichte am Institut für Germanistik und Skandinavistik tätig. Seit dem 10. März sind wir in Quarantäne und haben auf Online-Unterricht umgestellt, unter anderem auch live. Zuerst war ich skeptisch, vor allem wegen meiner Literaturseminare, in denen wir aktiv Texte besprechen.

Wir brauchten etwa ein bis zwei Wochen, um uns an alles zu gewöhnen. Vor allem fehlte mir der unmittelbare Kontakt mit den Studierenden, die am Anfang weniger als sonst das Wort ergriffen. Aber wir haben uns ziemlich schnell angepasst und jetzt klappt es ganz gut. Unsere Studierenden sind von dieser Art des Lernens ganz angetan.

Wie ist die Situation in Bulgarien?

In Bulgarien wurde bereits vor genau einem Monat, am 13. März 2020, der Notstand ausgerufen, als die ersten Covid-Erkrankungen festgestellt worden waren. Die Maßnahmen gelten zum aktuellen Zeitpunkt bis 13. Mai. Dank der sozialen Isolation, der dynamisch und kurzfristig initiierten und angepassten Maßnahmen und der bewussten Mitwirkung der Bürger, gehört Bulgarien zu den Ländern in Europa mit den wenigsten Corona-Erkrankten und Todesfällen.

Ich bin sehr überrascht, dass sich die Bevölkerung als ziemlich diszipliniert und gut organisiert zeigt, was den üblichen Stereotypen widerspricht. Nach einem Monat in Quarantäne aber sind viele schon auch müde. Aufgrund der guten Statistiken im internationalen Vergleich sehen viele Menschen den Sinn der anhaltenden Maßnahmen nicht mehr. Sie bestehen darauf, dass die Einschränkungen gelockert werden. Die größte Angst ist aber die drohende Weltwirtschaftskrise. Es gibt bereits viele Arbeitslose in Bulgarien, vor allem im Bereich des Tourismus und der Dienstleistungen, die wichtige Sektoren der bulgarischen Wirtschaft darstellen.

Der Alltag hat sich für uns alle verändert und wir vermissen unsere Sportaktivitäten und sozialen Kontakte. Aber man soll ja nicht allzu viel kritisieren. Da viele Tagungen abgesagt worden sind, sehe ich die Lage als unerwartete Ferien und genieße die Zeit mit meiner Familie.

Welche Hoffnungen haben Sie?

Viele Wirtschaftssektoren sind ernsthaft gefährdet, weil jeder zurzeit nur das Notwendigste verbraucht. Als positive Nebenwirkung der Krise verbessert der Produktionsstillstand in vielen Städten die Luft. Sie ist jetzt deutlich sauberer. Das zeigt die Dimensionen der Umweltzerstörung durch unseren täglichen Verbrauch. Meine große Hoffnung ist daher, dass die Menschheit neue, nachhaltigere Wirtschaftsmodelle erfindet, die auf weniger Konsum und mehr Verantwortung für die Umwelt ausgerichtet sind.

Das Reisen aus Spaß zeigte sich in dieser Krise als unverantwortlich – nicht nur für die Umwelt, was wir schon lange wussten, – sondern auch für den Menschen selbst. Vielleicht sieht man es künftig als wertvoller an, am Wochenende die Eltern zu besuchen, als ans andere Ende der Welt zu fliegen, um das Fremde zu erkunden und um am Ende festzustellen, dass man wieder nur sich selbst gesehen hat.

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April 2020

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