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Aus der Heimat geflohen, in der Wissenschaft zu Hause

Die Philipp Schwartz-Initiative unterstützt bedrohte Wissenschaftler

In ihrer Heimat herrscht Krieg, ihre Forschungsfreiheit wird eingeschränkt, oder sie werden verfolgt: In vielen Teilen der Welt sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefährdet und müssen ihre Heimat verlassen. Die Philipp Schwartz-Initiative hilft geflohenen Forscherinnen und Forschern, an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen Fuß zu fassen.

»Wer etwas Kritisches über die Regierung äußerte oder in sozialen Netzwerken über Proteste informierte, verschwand ganz plötzlich oder wurde für unbestimmte Zeit von der Polizei festgehalten«, berichtet Jeff Wilkesman aus Venezuela. Er und seine Frau Liliana Kurz, beide Biochemiker, arbeiteten bis August 2017 als Professoren an der Universidad de Carabobo in Valencia, Venezuela. Von einem normalen Forschungsalltag an den Hochschulen konnte schon lange nicht mehr gesprochen werden, beide standen aufgrund der politischen Situation massiv unter Druck. Als Kurz Zeugin wurde, wie das Militär das Universitätsgelände stürmte, postete sie Fotos in den sozialen Medien. Daraufhin wurde ihre Familie direkt bedroht, berichtet sie. Mithilfe von Philipp Schwartz-Stipendien konnte die Familie im August 2017 nach Mannheim ziehen.

PROF. DR. JEFF WILKESMAN

Der Biochemiker konnte im August 2017 als Philipp Schwartz-Stipendiat an der Hochschule Mannheim beginnen.

Immer wieder demonstrieren Forscher weltweit für die Freiheit der Wissenschaft. Diese Bewegungen zeigen, dass unabhängige Forschung nicht als selbstverständlich betrachtet werden kann; Politiker, Großkonzerne und andere Machthaber besitzen eigene, oft opportunistische Interessen. »Auch in der Türkei sind gravierende Einschränkungen der akademischen Freiheit zu beobachten «, so die Psychologin Yudit Namer. Die Gediz Üniversitesi in Izmir, an der sie als Assistenzprofessorin tätig war, musste nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 schließen. »Von heute auf morgen konnte ich meiner Forschungsarbeit nicht mehr nachgehen und Studierende nicht mehr betreuen«, erzählt Namer.

DR. YUDIT NAMER

Die Psychologin kam im Oktober 2016 als Philipp Schwartz-Stipendiatin an die Universität Bielefeld, wo sie inzwischen angestellt ist.

Mit dem Philipp Schwartz-Stipendium hat die Universität Bielefeld Namer eine Perspektive gegeben. Dort
arbeitet sie seit Oktober 2016, steht wieder in Kontakt zu ihren Studierenden in der Türkei und kann so verloren geglaubte Projekte teilweise fortführen. An der Fakultät für Gesundheitswissenschaften leitet sie das Teilprojekt YOURCARE des Verbundprojekts YOURHEALTH, dessen Ziel es ist, Angebote der psychischen Gesundheitsversorgung für junge Geflüchtete in Deutschland zu untersuchen und Zugangsbarrieren zu minimieren. Inzwischen ist sie am Institut fest angestellt, die Ideen für weitere Forschungsprojekte gehen ihr nicht aus.

PHILIPP SCHWARTZ-INITIATIVE

Die Initiative wurde gemeinsam von der Humboldt-Stiftung und dem Auswärtigen Amt ins Leben gerufen. Seit 2016 vergibt sie Fördermittel an deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen, mit denen diese ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zwei Jahre lang finanzieren können. Zunächst war die Initiative befristet, seit 2018 wird sie dauerhaft vom Auswärtigen Amt gefördert und kann pro Jahr 50 Stipendien vergeben. Neben der Unterstützung von Personen ist es ein weiteres Ziel der Initiative, ein Netzwerk für den Austausch zur Situation gefährdeter Forscherinnen und Forscher zu organisieren. Dabei arbeitet die Humboldt-Stiftung unter anderem mit dem Scholars at Risk Network, dem Scholar Rescue Fund und dem Council for At-Risk Academics zusammen und wird von verschiedenen Partnern unterstützt, etwa der Andrew W. Mellon Foundation.

Wilkesman ist an der Hochschule Mannheim am Institut für Biologische Verfahrenstechnik Teil eines großen Forschungsprojekts in Kooperation mit der International Water Aid Organization geworden. Das Team arbeitet an Notfall-Wasserkoffern, mit deren Hilfe in Katastrophengebieten verschmutztes Wasser zu hygienisch einwandfreiem, trinkbarem Wasser aufbereitet werden kann. In Mannheim fühlt Wilkesmann sich wohl. »Der Klang des pfälzischen Dialekts – Musik in meinen Ohren!«, sagt er und wünscht sich, dass er und seine Frau auch nach den Stipendien in Deutschland arbeiten und seine Kinder weiterhin sicher zur Schule gehen können. Für Venezuela hofft Wilkesman auf große Veränderungen: Das Land brauche Stabilität und Sicherheit. »Im Grunde«, so Wilkesman, »muss alles verbessert werden.«

Der Namenspatron Philipp Schwartz

Der Namenspatron Philipp Schwartz war Pathologieprofessor, als er 1933 – wie viele andere jüdische Wissenschaftler – aus Deutschland fliehen musste, um einer Verhaftung zu entkommen. In Zürich gründete er die »Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland«. Später reiste er in die Türkei, wo es ihm zunächst gelang, 30 deutsche Professoren an die Universität Istanbul zu vermitteln – bis zum
Ende des Zweiten Weltkriegs folgten rund 300 Akademiker.

Yudit Namers Hoffnungen betreffen nicht nur ihre alte, sondern auch ihre neue Heimat: »Akademische Freiheit ist heute kein gesetztes Gut. Meine Hoffnung ist, dass die Rolle der Wissenschaft in der heutigen Gesellschaft weltweit neu bewertet wird und der Zugang zur Wissenschaft als Grundrecht verstanden wird – nicht als Privileg für wenige.«

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März 2020

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